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Kafka und Kleist liegen klar vorn


By adminGeschrieben am16 April 2010

Bis zu fünfeinhalb Stunden schwitzten die Abiturienten gestern über der Deutschprüfung. Die meisten wählten die Interpretation von Franz Kafkas "Der Proceß" und Heinrich von Kleists "Michael Kohlhaas".
 
Es war gestern nicht zu übersehen, dass die Abiturprüfungen begonnen haben: Beim Hohenstaufen-Gymnasium hing ein Transparent mit der Aufschrift: "Keep Cool, Meli und Nudel. Ihr schafft es". Auch am Mörike- und am Freihofgymnasium hatten Schüler Mutmacher-Transparente aufgehängt. Drinnen brüteten die Abiturienten über den Deutschprüfungen.
 
Fünfeinhalb Stunden hatten die Schüler Zeit. Fünf Aufgaben standen zur Wahl: Wie schon in den vergangenen Jahren war die literarische Interpretation der im Unterricht behandelten Werke am beliebtesten. An den allgemein bildenden Gymnasien in Göppingen wählten von 348 Abiturienten 215 diese Aufgabe, am Wirtschaftsgymnasium waren es 41 von 91 Prüflingen: Es ging um die Interpretation einer Textstelle aus Kafkas "Der Proceß" unter Einbeziehung der sprachlichen und erzählerischen Gestaltung. Es schloss sich eine Untersuchung an, inwieweit die Auseinandersetzung mit der Justiz Josef K. und Kohlhaas in Kleists "Michael Kohlhaas" verändert.
 
Weit weniger anfreunden konnten sich die Abiturienten mit Schillers Stück "Die Räuber". Nur 24 Göppinger Abiturienten wählten dieses Thema - allein 13 davon am Freihof-Gymnasium
.
Auf einen Gedichtvergleich ließen sich an den allgemein bildenden Göppinger Gymnasien immerhin 53 Schüler ein: Verglichen werden mussten dabei Rainer Maria Rilkes "Die Liebenden" und Volker Brauns "Hingebung".
 
An die Analyse und Erörterung eines Zeitungsartikels von Georg Esslinger in der Süddeutschen Zeitung wagten sich 52 Göppinger Abiturienten - allerdings mit stark unterschiedlicher Verteilung: Während es am Freihof-Gymnasium 25 waren, wollten es am Werner-Heisenberg-Gymnasium damit nur zwei aufnehmen. Die kalte Schulter zeigten die Abiturienten der literarischen Erörterung der These, dass sich gute Literatur vor allem dadurch auszeichne, dass sie etwas Bleibendes, stets Gültiges besitze. Nur vier der 348 Göppinger Schüler wagten sich daran.
 
Am Wirtschaftsgymnasium waren die Präferenzen etwas gleichmäßiger verteilt: Von den 91 Abiturienten wählten 14 die Lyrik, 18 die Textinterpretation und 13 ein Essay.
 
Eine Atempause wird den Abiturienten nicht gegönnt: Heute steht die Matheprüfung an, die für viele Schüler noch immer ein Schreckgespenst darstellt, wie Günter Roos, Geschäftsführender Schulleiter der Göppinger Gymnasien, bestätigt. Wenn diese Hürde übersprungen ist, knallen am Mittag manchmal schon die ersten Sektkorken. In der nächsten Woche geht der Prüfungsmarathon allerdings in die nächste Runde.
 
Quelle: Südwest Presse vom 16.4.2010